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Aktelle Projekte des Vereins Soziale Inklusion e.V. zur Implementierung von EX-IN in Mittelhessen: Aufbau des Dienstes Genesungsbegleitung im Lahn-Dill-Kreis und eines Teilhabezentrums in Solms Niederbiel. Der Verein Soziale Inklusion e.V. hat zur Aufgabe Genesungsbegleiter auszubilden und zu beschäftigen. Kontakt über:  www.soziale-inklusion.com

Aktuell wird gerade der Folgekurs EX-IN Wetzlar 3 vorbereitet. Kursbeginn ist in 2017.



- Artikel veröffentlicht in GesundheitsKompass Mittelhessen Nr.1 u. Nr.2 2012 und Werkstatt-Zeitung des Stephanuswerk Wetzlar
  

Eine Depression hat viele Gesichter.

Depression ist die wohl am häufigsten diagnostizierte psychische Erkrankung. Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsamtes sind etwa 4.000.000 Menschen davon betroffen, bis zum 65. Lebensjahr sollen etwa 10.000.000 Menschen in Deutschland einmal an einer Depression erkrankt sein.

Von der Wortbedeutung her bedeutet Depression „Niedergeschlagenheit“, ein Zustand, den jede/r auch mit Traurigkeit, Verstimmung, Lustlosigkeit oder Melancholie übersetzen kann. In einem so allgemeinen Sinne wird aber lediglich ein Gemütszustand beschrieben, der ebenso normal und geläufig ist wie Freude, Liebe, Ausgelassenheit und Ausgeglichenheit, Zustände also, die zu einem gewöhnlichen seelischen Erleben eines jeden Menschen gehören.

Depression im Sinne einer Krankheit bedeutet freilich mehr. Ein internationaler Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation unterscheidet zwischen leichten depressiven Episoden bis hin zu schweren depressiven Episoden, die auch mit Wahngedanken verbunden sein können. Typische Symptome sind eine depressive Stimmung, Verlust von Interesse und Freude und eine erhöhte Müdigkeit. Depressive Erkrankungen sind auch als Auslöser von vielen der zirka 10.000 jährlichen Selbstmorde in Deutschland bekannt.

Ursachen

Eine Depression kann ganz unvermittelt oder auch nach schweren persönlichen Krisen wie dem Tod eines Partners oder Familienangehörigen, einer Trennung oder auch dauerhaften Stress in einer Arbeitssituation auftreten. Auch die als Schwangerschafts-Blues bekannte Störung ist eine Form der Depression.

Wenn eine Depression unerwartet und plötzlich auftritt, kann schon im Vorfeld eine so genannte maskierte Depression unerkannt bestanden haben. Oft werden solche Depressionen erst in Zusammenhang mit einem körperlichen Symptom wie zum Beispiel Magen-Darm-Problemen oder Blutdruckproblemen erkannt.

Die Ursache für eine Depression zu finden ist manchmal schwierig, vorwiegend nur individuell in Gesprächen oder in Therapien nachvollziehbar.

In der Diskussion sind auch immer wieder genetische Faktoren, die eine Depression oder auch eine andere psychische Krankheit auslösen sollen. Obwohl auf diesem Gebiet intensiv geforscht wird, sind bislang, bis auf eine seltene Erkrankung (Corea Huntington), keine genetischen Ursachen für psychische Erkrankungen bewiesen worden. Allerdings werden Erfahrungen und Umgangsweisen mit Krankheit, Krisen und belastenden Situationen natürlich in Familien an die Kinder weitergegeben, so das sich familiäre Verhaltensweisen und Denkmuster oft über mehrere Generationen erhalten.

Einfache biologische Hintergründe wie Lichtmangel in den Wintermonaten oder auch mangelnd ausgeprägte Stoffwechselprozesse im Gehirn ergänzen die üblichen Erklärungen für depressive Störungen.

Einen bestimmten Nachweis für die Entstehung einer individuell ausgeprägten Depression zu finden, ist entsprechend schwer, häufig wirken mehrere Faktoren an der Ausbildung einer Depression mit.

Verlauf und sozialer Rückzug

Während einer Depression kann sich der natürliche Biorhythmus des Menschen verschieben. Die „innere Uhr“ kann sich auf Grund sozialer, psychischer oder biologischer Faktoren verzögern. Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit sowie Wechsel im Antrieb und in Stimmungen sind Anzeichen einer Depression.

Weitere Symptome wie Zukunftsängste, Denkhemmungen, starke Beunruhigung über kleine Störungen im Körper, Hoffnungslosigkeit und Selbstentwertung kennzeichnen die Depression als starke soziale Störung. Diese können so schwerwiegend werden, dass ein Suizid als einziger Ausweg aus dem depressiven Dilemma erscheint oder das ein Erkrankter schier gar nicht mehr als Handelnder in Erscheinung tritt.

Dies kennzeichnet die Depression vor allem auch als Akt des sozialen Rückzuges.

Vor allem im eigenen sozialen Umfeld, den Familien, Freunden oder KollegInnen wird dieser Rückzug zuerst bemerkt. Rückmeldungen von Familienangehörigen über ein verändertes Verhalten können für einen Erkrankten z.B. erste Hinweise darauf sein, besser für sich Sorge zu tragen.

Die Sorge von Angehörigen bedeutet dagegen oft für den Erkrankten ein Ärgernis, da sie auch als eine Aufforderung verstanden werden kann, den Rückzug zu beenden ohne das näher auf die Ursachen eingegangen wird.

Soziale Komponenten sind in steigendem Maße neben den „klassischen“ Krankheitsauslösern von Wichtigkeit: Verschwindende Traditionen und Werte bedeuten einen Verlust an Sicherheit und Leitlinien. Die geforderte Mobilität auf dem Arbeitsmarkt und eigene Karriereplanung steigt die Bereitschaft zu neuen Arbeits- und Lebensorten und bedroht die gewachsene Verheimatung. Im ausgeübten Beruf nimmt die Tendenz zur Intensivierung der Arbeit und damit der berufsbezogene Stress zu. Gleichlaufend nimmt für die Personen, die längere Zeit ohne Arbeit sind, signifikant die Wahrscheinlichkeit zu, an einer Depression zu erkranken. Neben diesen sozialen Stressoren, die verunsichernd sind, werden die Anforderungen zur Bildung von persönlicher Stärke und Sicherheit individualisiert und damit zu einer immer größeren Eigenleistung. Jeder Wechsel bringt einen Zwang zur neuen Selbstdarstellung mit, man muss sich wieder „neu erfinden“.

Insofern macht der soziale Rückzug, auch wenn es in die Depression ist, aus einem als Überforderung und Zumutung erlebten Alltag durchaus Sinn, bietet er doch die Chance zur Rückbesinnung und Bestimmung der eigenen Bedürfnisse. Wenn sich diese „Pause“ jedoch verselbstständigt und oder gar chronifiziert, kann aus dem Versuch des Rückzuges und Abwartens jene depressive Erstarrung werden, die ohne äußere Hilfe schwierig zu bewältigen ist.

Lösungen und Behandlung

Zur Hilfe bei der Lösung dieser depressiven Erstarrung ist das soziale Umfeld und in der Regel damit die Angehörigen und Freunde als wichtigste Partner der Vermittlung in den weiter ablaufenden sozialen Alltag in besonderer Weise gefordert. Ebenfalls benötigen insbesondere die Kinder von depressiv Erkrankten eine Unterstützung, um die Erkrankung des Elternteils zu verarbeiten. Bei einer länger andauernden Krise kann diese Aufgabe für die Angehörigen selbst auch zu einer starken Belastung werden.

Daher ist eine Inanspruchnahme von Beratung und geeigneter Behandlung, sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen, sehr ratsam, auch wenn die Depression immer noch wegen der Zugehörigkeit zu den psychischen Erkrankungen Vorurteilen unterliegt.

Förderlich in der Depressionsbehandlung kann eine zeitlich begrenzte Einnahme von Stimmungsaufhellenden Medikamenten (nach ärztlicher Verordnung) sein. Diese können eine Hilfestellung dabei geben, wieder mehr Antrieb zu entwickeln und damit wieder den Kontakt mit sich und der Umwelt aufnehmen zu können. Angenehm erlebte Rituale können die Entstehung eines geregelten Tagesablaufes befördern. Die Stärkung und Ausweitung vorhandener Strukturen bietet mehr Sicherheit und verfestigt sinnvolle Aufgaben. Geeignete Psychotherapeutische Angebote fördern das Verstehen und die Verarbeitung der Erkrankung. Eine ambulante Begleitung durch einen sozialpsychiatrischen Dienst wie das Betreute Wohnen oder im Rahmen des Persönlichen Budgets kann durch den praktischen Bezug der Begleitung die Teilnahme am Leben in der Gesellschaft fördern und den Erhalt der Arbeit unterstützen.

Welche Formen der Unterstützung sinnvoll sind, sollten Betroffene und Angehörige in persönlichen Gesprächen beraten. Als Anlaufstelle kann in Wetzlar und Umgebung z.B. der Sozialpsychiatrische Dienst am Gesundheitsamt dienen. Einen Überblick über verschiedene Hilfsangebote bietet der Sozialwegweiser für den Lahn-Dill-Kreis.

Rainer Kah, Soziologe und Dipl. Sozialmanager

(Soziologische Praxis in Wetzlar)